Dieser Grabstein mit den Motiven Sonnenuhr, Laubbaum und weißer Taube geschmückt, stammt von der Worpsweder Keramikerin Heide Weichberger. Sie schuf ihn für ihren im Jahr 1969 verstorbenen zweiten Ehemann, den Kunsthändler Klaus Weichberger. Er bietet an dieser Stelle Anlass, auf die Künstlerin zu verweisen.
Heide Weichberger zählt zur dritten Generation Worpsweder Künstler/innen. Im Januar 1922 in Bremen geboren, wuchs sie mit zwei Geschwistern auf. Die Eltern, Dietrich und Irene Flügger, die in der Neustadt einen Lebensmittelgroßhandel betrieben, ermöglichten ihren Kindern eine weitestgehend freie Entwicklung und gute Schulbildung. Heides Kunstlehrerin am Lyceum Kippenberg, das sie bis zum Vorabitur besuchte, förderte ihr offensichtliches Zeichentalent. Und so konnte sie bereits 1938/39, als Sechzehnjährige, einige Semester, vornehmlich in der Bildhauerei, an der Nordischen Kunsthochschule belegen. In diese Zeit fallen auch ihre ersten Begegnungen mit Worpswede und dem Maler und Zeichner Tetjus Tügel, bei dem sie dann eine Zeit lang Unterricht nahm. 1940 wechselte sie an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste Berlin, wo sie ihr Studium in der Bildhauerei fortsetzte. Im selben Jahr lernt sie bei einem Worpswede-Aufenthalt den Schriftsteller Gustav Schenk kennen, 1941 heiraten beide. Als Heide Schenk studiert sie weiter in Berlin und schenkt Anfang Juni 1941 einem Jungen das Leben, den späteren Dichter Johannes Schenk. Da dessen Vater Gustav als Soldat eingezogen wird, kehrt Heide mit dem kleinen Johannes 1942 nach Worpswede zurück. Hier lebt sie in Bergedorf und bestreitet ihren Lebensunterhalt mit der Gestaltung und dem Verkauf von Krippen- und Madonnenfiguren. Nach der Rückkehr Gustav Schenks aus dem Krieg trennen sich beide. Heide freundet sich mit vielen Worpsweder Künstlerinnen an, insbesondere mit der Malerin Lisel Oppel. Noch während des Krieges reisen beide jungen Frauen auf die Fraueninsel im Chiemsee und arbeiten dort für einige Monate in der Töpferei Klampfleuthner. 1947 lernt Heide in Worpswede Klaus Weichberger kennen, der aus englischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ist. Sie heiraten und im Mai 1948 wird der Sohn Christoph geboren, im Oktober 1951 folgt Tobias. In diesen Jahren arbeitet sie figürlich mit Ton oder sie formt Gebrauchsdinge. So entstehen einfühlsam modellierte Kinderporträts, Putten, Schalen, Dosen und diverse andere Gegenstände, die den Broterwerb sichern. 1953 wird das Ehepaar Weichberger geschieden und fortan ist Heide für die Versorgung der Kinder alleine zuständig. Dabei wird sie von ihrer Mutter unterstützt, die in Worpswede nur „Oma Flügger“ genannt wird.
Ab Mitte der 1950er Jahre beschreitet sie neue Wege in ihrer Kunst. Mittels Gipsformen entstehen die für ihr Schaffen so typischen Hähne, Katzen und Leuchterfrauen. Einige Jahre später kommen Wandkeramiken hinzu, die bildhaft-erzählerische wie auch biblische Motive tragen. Sie reichen von kleinen bis hin zu großen, Wände im öffentlichen Raum zierenden Bildtafeln. Diese stellen ihre ureigenen Schöpfungen dar, die ein unvergleichliches Farbenleuchten auszeichnen. Die Farbflächen grenzt die Künstlerin durch erhabene Konturen voneinander ab, was den Bildtafeln zusätzlich einen reliefartigen Charakter verleiht. Zunehmend werden die farbenfrohen Hähne, Katzen und Leuchterfrauen wie auch die farbintensiven Keramiktafeln gefragt, Worpsweder Galerien stellen sie aus und bestücken damit ihre Verkaufssortimente. Hinzu kommen bundesweite Ausstellungen, die ihren Namen breiteren Kreisen bekannt machen, entsprechende Aufträge folgen. Beim Arbeiten mit Farben wie Kadmiumrot und Kadmiumblau setzt die Künstlerin sich, insbesondere durch den Brennvorgang, immer wieder gesundheitlichen Risiken aus. 1978 erkrankt sie schwer. Trotz dieses schicksalhaften Einschnittes arbeitet sie unermüdlich weiter. Anfang Oktober 1980 stirbt Heide Weichberger, eine der prägenden Keramiker/innen im Künstlerdorf. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Worpsweder Friedhof.
Gudrun Scabell (2026)
Quellen:
Erika von Hodenberg-Bortfeldt, Knut Bortfeldt: Heide Weichberger. Keramikerin. Worpswede, Bremen 2002.
Stefanie Johnen: Die Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin. Kunsthochschulgeschichte zwischen Weimarer Republik und NS-Diktatur, Berlin 2018.
Brief von Tetjus Tügel an Martha Vogeler von [1938].